Turnertempel Erinnerungsort, Wien, 2010

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Turnertempel Erinnerungsort - Wien, 2010

 

Im Jänner 2010 wurde ein zweistufiger Wettbewerb für die Gestaltung eines Mahnmals an der Stelle des zerstörten Turnertempels ausgelobt, zu dem fünf Teams aus KünstlerInnen und LandschaftsgestalterInnen geladen wurden. KÖR Kunst im öffentlichen Raum Wien hat den Wettbewerb in Kooperation mit der Stadt Wien (MA 42-Stadtgartenamt) ausgeschrieben und als Kurator des Projekts Stefan Musil bestellt.

 

Der Turnertempel stand Ecke Turnergasse / Dingelstedtgasse im 15. Bezirk und wurde nach der Synagoge in der Seitenstättengasse und dem Leopoldstädter Tempel als dritte Synagoge Wiens erbaut. Er wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, in der „Reichskristallnacht“, völlig zerstört und niedergebrannt. Ein wertvolles Kulturgut, ein religiöser Ort wurde ausgelöscht, während Passanten und Nachbarn einfach zusahen und auch die Feuerwehr in den Brand nicht eingriff.

 

Dem Wettbewerb gingen die Initiativen der Agentur dieloop und des Vereins coobra voran, sowie das Erkennen und Erforschen der bedeutenden jüdischen Vergangenheit des Bezirkes, als integralem Element des Lebens vor 1938. Die Forschungstätigkeiten führten zu zahlreichen Interviews mit ehemaligen jüdischen BewohnerInnen des Bezirks, zu der Publikation Das Dreieck meiner Kindheit (herausgegeben von Judith Pühringer / Michael Kofler / Georg Traska im Mandelbaum Verlag) und zur gleichnamigen Ausstellung im Haus Herklotzgasse 21, einem ehemaligen Zentrum des jüdischen Lebens im Bezirk. Als sichtbare Manifestation all der Bemühungen, die unter aktiver Einbeziehung der Bewohner des Bezirks stattfanden, will das Mahnmal für den „Turnertempel“ die aus dem Bewusstsein getilgte Vergangenheit des Platzes und damit des Bezirks wieder deutlich sicht- und erlebbar in die Gegenwart zurückholen.

 

Zielsetzung und Aufgabe des Wettbewerbs war es, an der Stelle des zerstörten Turnertempels einen zeitgemäßen Gedenk- und Symbolort zu schaffen. Zum einen soll ein Gedächtnisort geschaffen werden, der von der Geschichte des Tempels und seiner Bedeutung für die jüdischen Bewohner der Gemeinde, aber auch von seiner Zerstörung und Verdrängung berichtet. Zum anderen soll die Fläche wieder ein Ort der Begegnung, ein zugänglicher und nutzbarer Freiraum für die heutigen Bewohner des Bezirkes, werden. Der neu gestaltete Platz wird als Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft erlebbar sein. „Der kritische Umgang mit der Vergangenheit ist für Wien oberste Handlungsmaxime. Daher freut es mich besonders, dass wir mit diesem Projekt ein Erinnerungsmal im öffentlichen Raum installieren, das auf eindrucksvolle Weise die Vergangenheit dieses Ortes in die Gegenwart holt“, zeigt sich Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny vom Siegerentwurf des Wettbewerbs beeindruckt.

 

Das Projekt des Teams   Andraschek/Lobnig - Auböck/Kárász wurde von der Jury zur Umsetzung ausgewählt. Die Fertigstellung ist für Herbst 2011 geplant. (Pressetext KÖR)

 

 

 

TURNERTEMPEL - SUCHE NACH EINER REFLEXIVEN ARCHÄOLOGIE

 

Künstler –und Architektenstatement

 

Annäherung

 

Nur wenig ist trauriger und löst einen größeren Schock aus als ein Haus, eine Wohnung, ein Dachstuhl, private Gegenstände nach einem Brand. Nichts ist trostloser, als vor den angebrannten oder verbrannten Überresten seiner Habseligkeiten zu stehen. Wenig ist furchtbarer als der Geruch, die Zerstörungen nach einem Brand. Auf dem Platz des ehemaligen Turnertempels an der Ecke Turnergasse und Dingelstedtgasse im 15. Bezirk ist/wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 der Turnertempel, eine der größten Synagogen Wiens abgebrannt. Ein wertvolles Kulturgut, ein religiöser Ort, ein Ort der Besinnung und der Gemeinschaft wurde zerstört, ausgelöscht. Passanten, Nachbarn haben einfach zugesehen. Die Feuerwehr hat das Übergreifen der Flammen auf die umliegenden Häuser verhindert, in den Brand jedoch nicht eingegriffen.

 

Auf einem historischen Foto sieht man Menschen, die vor oder nach dem Besuch der Synagoge auf dem Vorplatz an der Kreuzung Dingelstedtgasse-Turnergasse zusammenstehen, sich unterhalten. Ein friedliches Bild.

 

Wien und seine Bewohner haben eine lange Tradition des Verschweigens und der mangelnden Sensibilität im Umgang mit ihrer reichen jüdischen Geschichte gepflegt. Nach antisemitischen Bürgermeistern wurden Straßen benannt. Für Hugo Bettauer, einen Früherkenner der Gefahren des Antisemitismus in Wien in den 20er Jahren wurde erst vor wenigen Jahren, 80 Jahre zu spät, ein kleines Gedenktäfelchen an dem Ort seiner 1925 erfolgten heimtückischen Ermordung angebracht.

 

Unsere Idee ist es, einen Gedenkplatz zu schaffen, der die Geschichte, die sich an demselben Ort vor 61 Jahren und ein paar Monaten abgespielt hat, auf den ersten Blick in voller Vehemenz sichtbar und spürbar macht, oder auch bloß als ungewohnte, zunächst irritierende Gestaltung empfunden werden kann. Es soll ein Platz entstehen, an dem nicht verschwiegen, kaschiert, zugeschüttet wird. Ein Ort, der aus seiner Umgebung fällt. Ein Ort der Kontemplation, der Trauer. Er soll Schönheit entfalten, ein Bild zeichnen, und zugleich einen Raum bilden, ein Ort an dem sich Vergangenheit erschließt und die Zukunft sich öffnet. Ein Platz, der einfach und kompliziert zugleich ist. Ein Platz, der sich deutlich vom städtischen Kontext abhebt: An einem Nichtort zwischen Straßen und Gemeindebau, zwischen verlorenen Geschichten und verwischten Spuren gilt es ein starkes Zeichen zu setzten, etwas deutlich sichtbar zu machen, auf Sichtbarkeit zu beharren, etwas eindeutig Anderes zu erzeugen, dabei exakt und klar zu bleiben, nicht zu lavieren - nichts zu verschummern. Der Platz soll einfach benützbar und lebenswert sein.

 

Unser Entwurf ist Gliederung der Fläche, graphische Gestaltung, Möblierung, Archäologie: Symbol-Bild und Raum zugleich. Der Platz erschließt sich gleichsam als imaginärer Raum des Dachstuhles nach dem Brand: wie ein Schrei, der das (Ver)schweigen durchbricht. So entstünde ein Platz des Nachdenkens, der Kontemplation schafft, in dem sowohl die destruktive Kraft der Vergangenheit erkennbar ist, wie auch die lebensbejahende Energie der Gegenwart und Zukunft angelegt sind.

 

Der Platz ist durch schwarze Betonbalken gegliedert. Die vorgefertigten Elemente, schließen teilweise mit dem Bodenniveau ab, ragen teilweise aus dem Boden, wachsen heraus. Der Platz ist über einen Zugang über eine Rampe barrierefrei begehbar, mit einem Rollstuhl befahrbar, bildet aber im Inneren Räume, Nischen, Zonen. Die Strukturierung holt die Menschen in den Platz hinein, hält sie im Platz, bietet ihnen Platz, Plätzchen aber auch Abstand und Distanz. Die Betonbalken sind mit einer Holzmaserung (Holzschalung) strukturiert und nehmen das Bild des verbrannten, eingestürzten Dachbodens auf. Zugleich sind sie Musterung, Markierung und Möblierung. Mosaikflecken bilden archäologische Fundstücke: Schon auf der Straße vor dem Betreten des Platzes beginnend, finden sie sich zwischen den Balken – Bilder im Boden, die zwischen tragischer Vergangenheit und zuversichtlicher Gegenwart vermitteln; auf ein lebendiges künftiges Miteinander von Menschen unterschiedlicher Religionen und Herkunft hinweisen.

 

Für die BetrachterIn und BenützerIn bildet sich ein Vexierbild: Unter den Linden liegen (als Mosaike) Früchte, Pflanzen, Blätter, die dem Repertoire der Torah entnommen wurden, dem jüdischen Glauben nahe sind. Nachdenkliche Trauer mag sich ebenso einstellen wie ein bloß entspanntes Ausruhen. Die Phantomfrüchte erinnern an das Tennisspiel in dem Filmklassiker Blow up von Michelangelo Antonioni, bei dem eine junge Theatergruppe mit Tennisschlägern jedoch ohne Ball auf einem Tennisplatz (von Rhythmus und Timing) perfektes Tennis spielen. Hier tauchen Früchte wie Granatäpfel, Oliven, Feigen und Datteln als surreales Element auf, die von den Bäumen gefallen sein könnten. Es sind jedoch Früchte, die auf ganz andere Bäume wie Palmen, Olivenbäume, Granatapfelbäume, Zitronenbäume verweisen. Sie liegen, plastisch dargestellt, wie die Reste oder der Anfang eines Festmahls in der Platzfläche. Sie erinnern über die Jahreszeiten an andere Kulturräume und Religionen, an deren Pflanzen, Früchte und Geschmäcker.

 

Zwei der bestehenden Linden werden vor Ort umgepflanzt. Sie stehen nun weiter hinten, wodurch eine Staffelung des Raumes, eine Nischenbildung entsteht und Licht in die Fläche fällt. Ergänzend werden im vorderen sonnigen Bereich drei Tamarisken gesetzt: Zarte, kleine Bäume, die in der Torah wiederholt Erwähnung finden und auch in unserer Klimazone gedeihen. So ergibt sicht der Eindruck eines Haines mit blühenden Akzenten. Die Abgrenzung zum Nachbarn erfolgt mit einer ca. 3,5m hohen Hainbuchenhecke, die eine vegetabile Fassung des Platzes schafft.

 

In einem zweiteiligen Display, das in der Hecke zum Nachbargrundstück eingefügt ist, ist Platz für dieDarstellung der Vergangenheit (Geschichte des Turnertempels und des Brandes von 1938) und für die Gegenwart und Zukunft der jüdischen Gemeinde in Wien und des 15. Bezirkes.

 

Text: Hubert Lobnig und János Kárász,

 

Mahnmal „Turnertempel“ - Kuratorenstatement (Auszug)  

 

Als zentrales Element ihrer Gestaltung haben die Gewinner des Wettbewerbs ein Netz aus schwarzen Beton-Balken gewählt. Es symbolisiert in seiner abstrahierten Form den eingestürzten, zerborstenen Dachstuhl des Turnertempels nach dem Brand und erschließt zugleich in seiner „graphischen“ Anmutung den Platz, gliedert die Fläche, schafft Räume und dient als Möblierung. Als „malerisches“ Gegenstück dazu fungieren in den Boden eingelassenen Mosaiken. Gleichsam archäologische Fundstücke, die symbolträchtige Früchte, wie etwa den Granatapfel, die dem Repertoire der Torah entnommen sind, zeigen. Gleichzeitig finden sich in diesen Bildern aber auch Gegenstände von Heute, Picknickreste etwa. Die Pflanzung von Tamarisken setzt zusätzlich blühende Akzente. Der neu gestaltete Platz soll somit als Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft erlebbar sein, in der sowohl die grausame Kraft von der Zerstörung des Tempels als auch die lebensbejahende Energie im Heute und in kommenden Zeiten angelegt sind.

 

 

The Turner Temple. Searching for a Reflexive Archaeology

 

There are not many things sadder and more shocking than a house, an apartment, a roof truss, or private bits and pieces after a fire. Nothing is more depressing than standing in front of the rests of one’s burnt belongings. And there are only a few things that are worse than the smell left behind by a great fire, the havoc it reaps.                     

 

Located on the corner of Turnergasse and Dingelstedtgasse in Vienna’s fifteenth district, the Turner Temple, one of Vienna’s most important synagogues, was set on fire in the night from November 9 to 10, 1938.  A cultural asset, a religious site, a place of contemplation and communal life was destroyed, wiped out overnight. Passers-by and neighbors just watched what was going on. As contemporary witnesses remembered, the fire brigade only prevented the spreading of the flames to the adjoining buildings, but did not fight the fire.                                       

 

A historical picture shows people standing in the forecourt of the temple talking to each before or after a visit to the synagogue: a peaceful picture.

 

Vienna and its inhabitants have a long tradition of suppressing the past and lacking sensibility when it comes to dealing with their rich Jewish history. Streets have been named for anti-Semitic mayors. For Hugo Bettauer, who already caught on to the threats of anti-Semitism in Vienna in the 1920s, a small plaque was installed at the scene of his insidious murder in 1925 only a few years ago.

 

Memory Site Turner Temple                                                            

 

It was our idea to create a useable memory site, which, making the events that occurred there seventy-three years ago visible and tangible, would be experienced as an unusual, irritating intervention. The place we had in mind was to be a place where nothing was withheld, concealed, covered up. A place standing out from its surroundings. A place of contemplation, but also of mourning. It was to unfold something beautiful, draw a picture, and form a space. A memory site revealing the past and opening up for the future. A place simple and complex all in one. A place clearly set off from its urban context: we had to create a powerful sign for this non-site between streets and municipal residential building, lost history and blurred traces, to make something graspable, insist on visibility, produce something unmistakably different, and remain exact and clear at the same time without maneuvering orobliterating anything. We simply wanted a place that would be livable and would be used. Our design comprised the organization of the area, graphic design and furnishing measures, as well as an archaeological dimension: the solution was both a symbol and a space. Not a reconstruction, but a construction. Not a real place, but a metaphorical one that activates memory. The site presents itself as the imaginary space of the roof truss after the fire – resembling acry breaking the silence of forgetting. It is a place to make people think, a place where both the destructive force of the past and the life-affirming energy of the present and the future become manifest.

 

The Design: Roof Beams as Witnesses of Destruction, Fruits as Mediators between Different Times and Cultures

 

One of our starting-points was a letter from the municipal authorities urging the Israelite Community to remove what was left after the fire at its own expense. This is why heavy dark concrete beams, which create an imaginary real picture of the burnt collapsed roof truss of the synagogue, structure the site. The prefabricated elements are partly flush with the ground and partly jut or grow out from it. Sunk in the ground, they look like petrified wood. The area has a barrier-free access in the form of a ramp and can be crossed in a wheelchair. Spaces, niches, zones form inside. The beam structure and the steps running around the site pull people inside, make them stay there, offer them room and distance. The concrete beams show a haptic wood grain, which comes from the wooden shuttering in which they were cast. They also provide a pattern, marks, and furniture.

 

Archaeological Picture Puzzles  

 

Mosaic patches suggest archaeological finds: in the street, before we even access the place, we already come upon some pictures set into the ground. They are aimed at forging a bridge between the tragic past and a confident present and future. It is actually a picture puzzle the viewer or visitor is confronted with: the mosaic areas spreading succinctly under the linden trees show fruits, plants, and leaves taken from the repertoire of the Torah and relating to the Jewish faith. The phantom fruits recall Blow-Up, a classic movie by Michelangelo Antonioni, in which we see two members of a young theater group on a public tennis court miming a match perfect in terms of rhythm and timing without rackets and without a ball.                             

 

Pomegranates, olives, figs, and dates feature as surreal elements that might have fallen from the trees. They hint at a completely different flora, though. Rendered in a plastic way, they present themselves as leftovers from or starters for a banquet. They make us think of different cultural regions and religions, of their plants, fruits, and tastes beyond any definite season.                                                                 

 

Though the mosaics suggest archaeological finds, they unequivocally reveal that they were made not long ago: olives in a plastic bag, a crushed can, a pointed bag with pistachios emphasize this. The mosaics can be read as an inspired by the early Christian floor mosaics in the synagogues in Tzippori (fifth or early sixth century, Galilee) or Beit Alpha (second century, Galilee), in which we also come upon plants (Herb-of-Grace) and various kinds of fruit. They also relate to a conceptual Pompeian floor mosaic representing the leftovers of a banquet. This model links in with the Turner Temple’s wall painting in the Pompeian style.

 

Memory Site and Urban Plaza                                                           

 

The place is not just a memory site, but is also laid out to function as an urban plaza, as a meeting point, as an area to hang out. The zone with its beige sand covering spreading right to the tree trunks can be accessed from two sides by climbing the steps running around it. The sand surface clearly contrasts with the beams and establishes a visual connection with the mosaic patches. The concrete beams were set into the ground and fixed in accordance with their form. Some jut out onto or into the steps toward the street. The roots of the trees were carefully exposed and adequately protected across the entire surface of the area during the construction phase. We regard these measures as part of an archaeological procedure, as it were, an approach calling for a considerate treatment of existing layers and a symbolic reconstruction of lost layers.

Two lights were mounted on conical masts along the newly planted hornbeam hedge. The already existing rigged-up street light provides additional illumination.

 

Communicating the History of the Site                             

 

Positioned against the wall of the neighboring house, an enameled panel offers a description of the Turner Temple’s history, its destruction in 1938, the disappearance of the district’s Jewish community, and the development of the new solution for the site, as well as information on the available multimedia facilities providing further details.

 

 

 

Hubert Lobnig, János Kárász

 

 

Freier Badebrunnen, Loosdorf, 2007

Info     

Freier Badebrunnen - Privatsphäre und Phantomwände, 2006

Area 675 x 450 cm
Floor, wall, bath and sink: poured cement, mosaic tiles, stainless steel shower, bench made of larch wood, light pole, spotlight, sensor

 

Das an der Dorfpromenade gelegene überdimensionale Badezimmer aus Beton und Mosaikfliesen mit dem Titel „Freier badebrunnen Loosdorf – Privatspäre und Phantomwände“ umfasst ca. 30 m2. Es ist mit funktionsfähiger Dusche, Badewanne und Waschbecken ausgestattet, die die Besucher benutzen können.

 

 

 

Durch sein bestechendes Blau lockt der Badebrunnen schon von Weitem und irritiert auch gleich ob des Anblicks von Dingen, die ansonsten der Privatsphäre vorbehalten sind. Das überdimensionale Badezimmer aus Beton, das mit Dusche, Badewanne und Waschbecken die übliche Badezimmermöblierung zitiert, ist mit blauen Glas-Mosaiksteinen ausgelegt. Aus allen drei Spendern rinnt das Wasser, und dies in überbordender Art und Weise, wenn das Waschbecken überläuft, die Dusche im Dauerbetrieb ist und in der Badewanne das Wasser gleich in den Abfluss rinnt. Das Badezimmer mutiert also zum Wasser spendenden Brunnen und nimmt die historische Verknüpfung von Quelle, Brunnen und Bad auf. Assoziationen von Tröpferlbad, Wellness und Jungbrunnen sind ebenso gegeben wie die durch den Besucher in Gang gesetzte und immer wieder neu inszenierte öffentlich gewordene Ambivalenz des Privaten und Intimen. Das "freie" Bad ist schließlich auch als kultureller Ort angesprochen, der hier zum Annex des Dorfraumes wird. Rastende Radfahrer, die es in dieser Gegend häufig gibt, nehmen ihn ebenso in Anspruch wie die Kinder, die ihn längst zum fixen Bestandteil ihrer Aktivitäten auserkoren haben.
(Susanne Neuburger)